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28.6.2025
«Seit ich 20 bin, gurke ich in der Kultur herum», sagt sie und lacht. Ein Satz, der alles und nichts erklärt. Tatsächlich war sie vieles: Kunstgeschichtsstudentin, Schmuckverkäuferin, Partyveranstalterin, Plattenladen-Besitzerin, Kino- Leiterin – und: Mitbegründerin des queer-feministischen Filmfestivals Queersicht. Doch nichts davon wirkt wie eine bewusste Karriereplanung. Alles entstand aus Neugier, Lust am Ausprobieren und aus dem Bedürfnis, gesellschaftlich Relevantes sichtbar zu machen.
In den 1980er-Jahren, bereits Mutter, erlebt sie ihr Coming-out – und mit ihm die Politisierung. Sie engagiert sich in der Frauenbewegung, organisiert die ersten Frauendiscos in Bern, ist mittendrin, wenn es darum geht, Räume zu schaffen für Menschen, die bis dahin unsichtbar geblieben sind. «Ich war sehr aktiv, aber vieles habe ich mir einfach angeeignet. Ich habe Filmlexika gelesen, um so zu tun, als hätte ich eine Filmbildung», sagt sie. Diese Mischung aus Selbstironie und Entschlossenheit zieht sich durch unser ganzes Gespräch.
Ab 1988 übernimmt sie das Kellerkino Bern, das sie mit thematischen Filmreihen – etwa zu HIV, Behinderungen oder Umwelt – zum gesellschaftspolitischen Treffpunkt macht. «Damals musste man die Filme als Rollen importieren – 15 Kilo schwer, riesige Zolllogistik.» Doch genau durch diesen Aufwand – die sorgfältige Kuratierung, das Gespür für relevante Themen und die Hartnäckigkeit, diese Filme überhaupt zugänglich zu machen – wuchs ihr Ruf. Wer queere Filme sehen oder zeigen wollte, kam früher oder später an Veronika Minder nicht vorbei. So wurde sie zur Anlaufstelle für queeres Kino in der Schweiz.
1997 gründet sie mit Patrik Martinez das Festival Queersicht. «Film wurde zu meinem Paradies», sagt sie. Es folgt ihr wohl bekanntestes Werk: Katzenball. Der Dokumentarfilm erzählt mit Humor und Wärme die Geschichten lesbischer Frauen in der Schweiz – ein Meilenstein, der dieses Jahr das 20-jährige Jubiläum feiert. «Ich hatte diesen Drang, etwas zu erzählen – für die queere Community, für die Schweiz.»
Entstanden ist der Film gemeinsam mit der Regisseurin Katrin Barben – doch anfangs glaubte kaum jemand daran. «Wir hatten Glück mit der Förderung, aber auch Angst, den Film zu zeigen.» Die Sorge war unbegründet: Katzenball wurde begeistert aufgenommen, gewann an der Berlinale den «Teddy» und lief international. «Ich habe das Rad ja nicht neu erfunden – aber das Publikum hat den Film geliebt.»
Noch heute wird sie eingeladen, den Film zu zeigen. «Ich lache immer noch, wenn ich ihn sehe.» Und es klingt, als würde sie dabei auch ein Stück Vergangenheit wieder mitfühlen.
Nach Katzenball folgt My Generation. «Der Film ist okay», sagt sie nüchtern. Aber der Drang war weg. «Ich wollte ja etwas erzählen – und das hatte ich getan.» Heute konsumiert sie lieber: Serien wie Pose, Disclosure oder Orange is the New Black. «Serien erlauben es, Figuren zu entwickeln, queere Geschichten komplex zu erzählen. Ich liebe das.» Auch über Nemos ESC-Sieg schwärmt sie. «Eine non-binäre Person – und alle waren stolz. Ich habe es zehn Mal geschaut!»
Wir sprechen über Bern, über früher. Wie die Altstadt einst ein Sammelbecken für Kunst, Subkultur und schräge Lebensentwürfe war. «Ich hatte eine 4.5-Zimmer-Wohnung für 150 Franken in der Brunngasse. Die Metzgergasse war da noch ein Puff – in den Hauseingängen sassen die Sexarbeiterinnen.» Was heute undenkbar scheint, war damals Teil eines durchmischten, lebendigen Quartiers. In den Dächern der Altstadt lebten Künstler*innen, Musiker*innen, Theaterleute – viele in Wohnungen ohne eigenes Bad, mit Toilette auf dem Gang und ohne Sonne. «Das hat niemanden gestört. Man war jung, neugierig, politisiert – und die Mieten waren bezahlbar.» Veronika erzählt von Begegnungen mit Meret Oppenheim oder Bernhard Luginbühl. «Damals war das ein Platz für jene, die ein bisschen anders waren.» Es klingt nicht nostalgisch, eher lebendig.
Heute lebt sie in einer Siedlung im Stadtberner Norden. «Ich bin nicht mal die einzige Lesbe hier.» Und sie wird nicht auf ihre Identität reduziert. «Das war mal anders», sagt sie, «aber heute ist queeres Leben in der Stadtgesellschaft angekommen.»
Wir reden auch über Land und Stadt, über Unterschiede zwischen Bern, Biel, dem Jura – über Orte, an denen queeres Leben sichtbarer ist. Biel, sagt sie, sei da schon früh besonders gewesen: «Die hatten als Erste queere Kulturanlässe, Konzerte, Partys. Das hat mich damals richtig inspiriert.» Auch heute noch empfindet sie Biel als offener, durchmischter, lebendiger als manch andere Kleinstadt. Anderswo wäre es für sie schwieriger: «Wenn ich nach Lützelflüh ziehen würde, würde ich mich wohl nicht so wohlfühlen.» Es ist der Stadt-Land-Graben, der sich auch in der queeren Sichtbarkeit zeigt – selbst wenn er langsam kleiner wird.
Die gläserne Decke wird auch zum Thema: «Die Akzeptanz ist weit gekommen, aber noch nicht vollständig. Es ist wie mit der Gleichstellung der Frauen – auch da fehlt noch viel.»
Was sie sich für die Zukunft wünscht? «Dass diese Rest-Akzeptanz noch kommt. Und dass queere Geschichten nicht nur erzählt, sondern auch verstanden werden. Toleranz muss jede*r üben, auch ich. Immer wieder.»
Veronika Minder ist vieles: Künstlerin, Aktivistin, Chronistin. Vor allem aber ist sie ein Mensch, der Räume geschaffen hat – für Bilder, Stimmen und Geschichten, die zuvor keinen Platz hatten. Und auch wenn sie heute nicht mehr produziert, bleibt ihre Stimme klar: «Nie wieder Film machen», sagt sie lachend, «aber schauen – jederzeit!»
Text: Tim Binda
Foto: zVg