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12.7.2025

Ein Blick hinter die Kulissen von ABQ.

Drei Personen stehen an einem Mittwochmorgen vor einer Schulklasse eines Berner Vororts. Sie sprechen nicht über Mathe. Auch nicht über Geschichte. Sondern über ihr Leben.

Sie erzählen, wie es war, als sie sich verliebt haben – in jemanden gleichen Geschlechts. Wie es war, sich als trans zu outen. Oder wie es sich anfühlt, ein queeres Kind zu haben. Persönlich, offen und nahbar. So sehen Schulbesuche von ABQ aus einem Verein, der sich schon seit über 25 Jahren der Aufklärung zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt verschrieben hat.

ABQ steht für das queere Alphabet – und für Aufklärung, Bildung, Begegnung – dafür, queeres Leben sichtbar zu machen. In ihren Unterrichtseinheiten schaffen sie Räume, in denen queere Jugendliche sich wiederfinden können – und alle anderen etwas über Respekt, Vielfalt und Menschlichkeit lernen. Der Schlüssel dazu: Begegnung auf Augenhöhe.

«Das Herzstück unserer Schulbesuche sind unsere Coming-Out-Geschichten», erzählt uns Chris von ABQ. Drei Lektionen dauert ein Schulbesuch. Neben persönlichen Erzählungen vermitteln die Teams auch Wissen über sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentitäten. Dabei sind die Teams bewusst vielfältig zusammengesetzt – so entstehen Identifikationsmöglichkeiten für viele Jugendliche.

Warum das so wichtig ist? «Weil queere Kinder und Jugendliche in der Schule oft schlechte Erfahrungen machen», sagt Chris. Lehrpersonen und Mitschüler*innen sind häufig nicht für das Thema sensibilisiert. Die Folgen sind gravierend: Diskriminierung, Isolation, psychischer Druck – bis hin zu schulischen Leistungsabfall und mentalen Problemen. «Wir möchten, dass sie sich alle im Klassenzimmer wohlfühlen und angstfrei lernen können.»

Die Reaktionen der Jugendlichen auf die Workshops fallen unterschiedlich aus. In manchen Klassen ist das Thema längst angekommen. In anderen herrscht offener Widerstand. «Manchmal spüren wir eine klar queerfeindliche Stimmung - angeheizt durch Social Media, Fake News oder das politische Klima.»

In Einzelfällen wurde ABQ sogar gebeten, das Thema Geschlechtsidentitäten auszuklammern oder ihr Angebot nur noch für höhere Schulstufen anzubieten - mit Verweis auf Kritik durch Eltern oder aus der Politik. Der Verein lehnt solche Einschränkungen aber klar ab. «Queere Themen gehören in jede Schulstufe - nicht nur für die, die direkt betroffen sind.»

Denn was viele vergessen: In jedem Klassenzimmer sitzen Jugendliche, die queer sind – oder es einmal erkennen werden. Studien zeigen, dass zwei bis vier Schüler*innen pro Klasse sich nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren oder sich in Menschen des gleichen Geschlechts verlieben (werden). Und: Sie sind deutlich häufiger von Mobbing und Suizidgedanken betroffen. «Die Schule darf kein Ort der Unsichtbarkeit sein.»

ABQ sieht sich als Gegenpol dazu – als Impulsgeber*in für mehr Sichtbarkeit und Wissen. Doch der Verein stösst an Grenzen. «Die Nachfrage nach Schulbesuchen ist riesig, aber wir können sie kaum decken.» Dringend gesucht werden neue Schulbesucher*innen – idealerweise mit unterschiedlichen Hintergründen und Lebensrealitäten. Auch finanziell ist es ein Balanceakt: Die Beiträge der Schulen reichen nicht aus, um Geschäftsstelle und Begleitung der Freiwilligen zu finanzieren, sagt Chris. «Wir sind auf Gönner*innen angewiesen, damit wir unsere Arbeit weiterführen können.»

Trotz aller Herausforderungen: Die positiven Rückmeldungen sind es, die tragen. Wie diese Nachricht nach einem Schulbesuch: «Es war schön, Menschen wie mich zu treffen. Danke nochmals für alles.» Solche Sätze zeigen: Die Begegnung wirkt. Und sie ist nötig.

Für die Zukunft wünscht sich ABQ eine Gesellschaft, in der alle Menschen gleichermassen wahrgenommen und respektiert werden – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Orientierung. Schulen sollen diskriminierungsfreie Räume sein, in denen Vielfalt nicht nur akzeptiert, sondern gefeiert wird.

Text: Tim Binda

Illustration: Marie Schaller

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