
Als Luca kurz nach Covid aus einem kleinen Bergdorf in der Zentralschweiz nach Bern zog, war er überzeugt, jetzt endlich in der Grossstadt angekommen zu sein. Nicht gerade der «Big Apple», natürlich – aber zumindest in einer Schweizer Version davon. Bundesstadt. Kulturstadt. Linkste Gemeinde der Schweiz. Eine Stadt voller Menschen mit bunten Haaren, verrauchten Bars und spontanen Gesprächen irgendwo zwischen Clubtoilette und Aareufer.
Mit Anfang zwanzig wirkte Bern auf ihn riesig. Vor allem im Vergleich zu dem Dorf, aus dem er kam. Dort schlossen die Bars früh, alle kannten einander und queer sein war zwar möglich – aber selten sichtbar. Bern dagegen versprach plötzlich Möglichkeiten. Community. Nachtleben. Vielleicht sogar ein bisschen dieses Gefühl, das man sonst nur aus queeren Serien, TikToks oder irgendwelchen verschwitzten Pride-Videos aus Grossstädten kannte.
Ein paar Jahre später kennt Luca die lokale queere Community deutlich besser. Nicht zuletzt durch die BernPride. Und trotzdem ertappt er sich noch heute manchmal bei derselben Frage: Wo sind denn jetzt eigentlich all diese Queers?
Denn das queere Nachtleben in Bern funktioniert anders, als er es erwartet hatte. Weniger offensichtlich. Weniger permanent. Manchmal wirkt es fast so, als existiere es nur für jene, die bereits wissen, wo sie suchen müssen.
Am Anfang begann Luca deshalb zu googeln. Sehr viel zu googeln. Irgendwann fragte er Freund*innen. Dann wieder Freund*innen von Freund*innen. Und langsam entstand sie doch noch: diese kleine mentale Karte der queeren Bern-Bubble.
Zuerst die grossen Konstanten: die BernPride natürlich, der antikapitalistische CSD und das Queersicht Film Festival. Drei Veranstaltungen, an denen plötzlich sichtbar wird, wie gross die Community eigentlich ist. Tausende Menschen, Regenbogenflaggen, politische Parolen, Glitzer, Konzerte, verschwitzte Tanzflächen.
Und nach all dem Glitzer? Verschwinden plötzlich wieder alle. Zumindest fühlt es sich manchmal so an.
Wer in Bern Anschluss sucht, landet früher oder später bei einem Verein. Und davon gibt es erstaunlich viele. Von QueerSport Bern für die Sportbegeisterten, über «hab queer bern» und queerstudents, bis zu den Business-Netzwerken WyberNet oder network. Stammtische, Sportgruppen, Community-Abende, Austauschformate – Bern organisiert sich gerne. Vielleicht ist das auch ein bisschen die Berner Art: weniger laut, dafür verbindlicher.
Irgendwann lernt Luca auch die Orte kennen, die immer wieder auftauchen. So etwa die Comeback, Jail oder Blue Cat Bars in der Altstadt: Keine riesigen Clubs mit Neonfassaden, sondern Orte, die man oft eher durch andere Menschen entdeckt als durch Werbung. Dazu kommen Formate wie die Hangouts der BernPride, die Jugendtreffs von Kunterbunt oder Events von bromelia.
Vieles wirkt improvisiert, temporär und abhängig von Menschen, die freiwillig organisieren, dekorieren, auflegen oder Bardienst übernehmen. Manche Partys scheinen fast ausschliesslich über Instagram-Stories, Telegram-Chats oder Freundeskreise zu existieren. Wer nicht im richtigen Gruppenchat ist, merkt manchmal gar nicht, dass irgendwo gerade ein queerer Abend stattfindet.
Vielleicht liegt genau darin aber auch etwas Schönes. Viele dieser Räume fühlen sich persönlicher an, weniger kommerziell, weniger geschniegelt als in anderen Städten. Man kennt sich. Oder kennt zumindest jemanden, der jemanden kennt.
Wer tanzen will, wartet entweder auf das zweimal jährlich stattfindende Queerhübeli oder geht ans Tolerdance im ISC. Wer lieber zuhört statt tanzt, trifft die Schwubs (Schwule Berner Sänger) oder schaltet bei QueerUp Radio ein. Und wer professionell das Tanzbein schwingen möchte, landet vielleicht bei den Rainbow Dancers.
Die wohl konstanteste queere Infrastruktur findet sich aber eigentlich wenig überraschend dort, wo Bern seit Jahrzehnten alternative Kultur verhandelt: in der Reitschule Bern. Im queerfeministischen Raum laufen Formate wie die Milchbar, Disco Ribelle oder das BarOmeter. Hier wird getanzt, diskutiert, performt und aufgelegt. Vielleicht ist das einer der wenigen Orte in Bern, an dem queere Sichtbarkeit nicht erst angekündigt werden muss.
Und dann gibt es noch die Saunen. Das Sundeck oder das Aqualis – Orte, über die selten öffentlich gesprochen wird und die trotzdem Teil queerer Infrastruktur sind. Auch das gehört zur Realität einer Community.
Je länger Luca in Bern lebt, desto weniger überrascht ihn diese Szene. Vielleicht, weil Bern insgesamt so funktioniert: etwas versteckt, etwas langsamer, weniger offensichtlich. Eine Stadt, die selten laut sein will. Selbst ihre Queerness wirkt manchmal eher wie ein gut gehüteter Geheimtipp als wie eine grosse Bewegung.
Und trotzdem bleibt die Frage: Wie kann es sein, dass die Hauptstadt der Schweiz – politisch links, kulturell geprägt, voller Studierender und Kreativer – im queeren Nachtleben kaum mit anderen Städten mithalten kann?
Stattdessen funktioniert Bern eher wie ein Insider-Witz: Wenn man weiss, wo etwas läuft, ist es wunderschön. Wenn nicht, läuft man ziemlich leicht daran vorbei. Und manchmal wünscht sich Luca trotzdem ein kleines bisschen mehr Big Apple.



















