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17.4.2026

Die Kaffeemaschine zischt in der Effinger Kaffeebar. Draussen lässt die Sonne die ersten Sommergefühle aufblühen, drinnen riecht es nach Kuchen und frisch gemahlenen Bohnen. Adrian Graf – besser bekannt als Sivilian – sitzt mir gegenüber, entspannt, aber wach. Es ist der Tag seines Releases. «Versailles» ist gerade erschienen.

Kaum frage ich, worum es im Song geht, ist er mittendrin. Ist ja klar – diese Frage hat er heute schon x-mal beantwortet. «Im Prinzip geht es um die Wohnungskrise», sagt er. «Aber auch um Verluste.» Vor zwei Jahren musste er seine erste eigene Wohnung in Zürich aufgeben – zu teuer. Kurz darauf stirbt seine Grossmutter. «Ich habe damals zu meiner Mutter gesagt: I can’t afford to live and I can’t afford to die.» Er lacht kurz, fast entschuldigend. «Und ich dachte: Das ist doch eigentlich eine gute Basis für einen Song.»

Was folgt, ist typisch Sivilian: ein Thema, das viele betrifft, aber kaum besungen wird – und ein Dreh ins Persönliche. «Ich habe mich dann gefragt: Was ist mein Versailles? Was ist mein Luxus?» Die Antwort liegt nicht in Quadratmetern oder Mietverträgen, sondern in Beziehungen. «Freundschaften, Menschen – das ist mein Versailles. Das besinge ich.»

Dass der Song heute erscheint, wirkt fast zufällig. Tatsächlich reicht sein Ursprung Jahre zurück. «Ich habe ihn vor etwa zwei Jahren schon einmal in Bern gespielt, an einem Soli-Anlass. Das war aber noch eine komplett andere Version.» Heute ist kaum mehr etwas davon übrig. Ein Prozess, kein Plan – zumindest von aussen betrachtet.

«Es ist alles sehr genau geplant», sagt er und grinst. «Ich bin Sternzeichen Jungfrau.» Ordnung sei ihm wichtig, Struktur auch. Und trotzdem: Die Themen kommen aus dem Moment. «Ich schreibe über das, was mich beschäftigt. Und ich hatte einfach noch nie einen Song über die Wohnungskrise gehört. Also dachte ich: Why not write it?»

Die Grenze zwischen Sivilian und Adrian Graf? Verschwimmt.

«Ich glaube, auf der Bühne bin ich offener», sagt er. «Ich würde Dinge sagen, die ich im echten Leben vielleicht nicht so direkt aussprechen würde.» Im Alltag eher zurückhaltend, auf der Bühne ein «offenes Buch». Keine erfundene Figur, eher eine verstärkte Version seiner selbst.

Musikalisch beginnt alles mit einer Ikone der frühen 2000er. «Meine erste CD war Oops!... I Did It Again von Britney Spears.» Ein kurzer Moment der Ernsthaftigkeit, dann ein Lächeln. «Sie hat mich auf die Bühne getrieben.» Später kommt Folk dazu, Gitarrenunterricht, Bob Dylan. Heute: Indie-Pop mit Folk-Background – irgendwo zwischen Introspektion und Eingängigkeit.

Aufgewachsen ist er in Goldiwil, oberhalb von Thun. Ein Ort, der weniger bietet – und vielleicht gerade deshalb mehr möglich macht. «Wir hatten nichts zu tun», sagt er. «Ich glaube, das hat uns kreativ gemacht.» Seine engsten Freunde von damals sind heute Filmregisseur und Illustrator. «Wir hatten gar keine andere Wahl.»

Zürich ist heute Arbeitsort, Netzwerk, Szene. Thun bleibt Sehnsuchtsort. «Im Sommer gibt es keinen schöneren Ort», sagt er. «In die Aare gehen, durch die Stadt laufen, von einer Brücke in den Fluss springen – je nach Skill-Level.»

Ein Leben zwischen Stadt und Land, zwischen Struktur und Intuition – und zwischen Passion und Job. Berlin hätte eine Option sein können. Ein Job in einer Werbeagentur stand im Raum. «Aber das ist halt 200 Prozent Arbeit», sagt er. «Ich wusste: Wenn ich das mache, bleibt keine Zeit mehr für Musik.» Also entscheidet er sich dagegen. Für das Unsichere. Für die Kunst.

Heute arbeitet er an der Zürcher Hochschule der Künste, unterstützt im Studiengang Cast / Audiovisual Media. «Content Creation, Fotografie, Video, Sound – ein bisschen von allem.» Ein Fuss im System, der andere draussen.

Wir sprechen über Pride. Über Sichtbarkeit. Über die Frage, ob es solche Veranstaltungen überhaupt noch braucht. «Umso mehr», sagt er sofort. «Gerade jetzt.» Es gehe nicht darum, sich anzupassen. «Wir gehören nicht in die Gesellschaft, weil wir normal sind. Wir gehören dazu, so wie wir sind.» Ein Satz, der sitzt.

Er erzählt von kleineren Prides, von Do-it-yourself-Strukturen, von Traktoren, die durch Innenstädte fahren. «Das fand ich so cool», sagt er. «Fast charmanter als die grossen Pride Events.»

Und trotzdem: Die Community sei nicht homogen. «Es ist fragmentiert», sagt er. Diskussionen über Sichtbarkeit, über Transrechte, über das «Wie viel ist zu viel» würden zunehmen. «Ich finde, es könnte wieder mehr Zusammenhalt geben.»

Hate bekommt er selten direkt. Vielleicht auch, weil er sich in einer «Bubble» bewegt. Aber die Realität bleibt spürbar – durch Geschichten anderer, durch Nachrichten, durch das, was draussen passiert. «Man muss bewusster entscheiden, worauf man reagiert und was man stehen lässt.»

Seine eigenen Pride-Momente? Überraschend alltäglich.

«Die Plakate», sagt er. «Ich liebe gute Schilder.» Sätze, die hängen bleiben. Humor, der trifft. Einer ist ihm besonders geblieben: «Usually not a sign guy, but what the fuck?»

Er lacht. «Das wäre mein Schild.»

Ein anderes Bild: ein heisser ZurichPride-Tag, irgendwo an der Sihl. Zufällig trifft er auf Tamara Funiciello. Es ist zu warm, die Stimmung ausgelassen. «Dann sind wir in einer Gruppe einfach in den Fluss baden gegangen. In Unterhosen.» Er zuckt mit den Schultern. «Sie weiss wahrscheinlich nicht mal, wer ich bin.»

Es sind diese kleinen Momente, die bleiben. Und vielleicht auch das, was gefehlt hat. Queere Vorbilder zum Beispiel. «Zu wenig», sagt er. «Viel zu wenig.» Aufgewachsen ist er mit Fernsehfiguren wie Sven Epiney oder Kurt Aeschbacher – präsent, aber nie wirklich als queere Geschichten erzählt. Später kommen erste Bezugspunkte aus dem Internet dazu, etwa Troye Sivan mit seinen Coming-out-Videos. «Aber richtige Repräsentation? Kaum.»

Und mit Songs? «Ich habe heute einen neuen Mix bekommen», sagt er und lehnt sich leicht zurück. Ein kurzes Grinsen. «It’s gonna be hot.» Dieses Mal klingt es nicht nach einem Nebensatz, sondern nach Vorfreude. Nach dem Gefühl, dass da noch einiges kommt. Ich bin gespannt!

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