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29.6.2024

«My body, my choice! Wir haben das Recht auf Selbstbestimmung, in jeder Beziehung, überall und ohne Ausnahmen!»

Bern und eine Pride haben eine entscheidende Bedeutung für mich. An der Pride Ouest 2017 in Bern kam ich das erste Mal in Kontakt mit InterAction, dem Verein für intergeschlechtliche Menschen Schweiz. Für mich als intergeschlechtliche und genderfluide Person sozusagen ein gefundenes Fressen.

Endlich waren Menschen da, die bereit waren, sich für unsere Rechte einzusetzen, und das nicht nur bezogen auf die Operationen an intergeschlechtlichen Kindern, sondern auf breiter Basis. Politisch, informativ, unterstützend und vor allem, laut! Seit 2018 bin ich Mitglied und mittlerweile Co-Präsident*in. InterAction ist ein, im Verhältnis zu anderen Dachorganisationen,  kleiner Verein, der aber immerhin die Interessen von etwa 150’000 Menschen in der Schweiz vertritt.

In einer Zeit von massiver «anti-gender» Bewegung weltweit ist es weiss Gott nicht einfach sich Gehör zu verschaffen, geschweige denn, sich durchzusetzen. auf allen Ebenen.

Gerade wurde die Motion «Strafrechtliches Verbot von geschlechtsverändernden Eingriffen an Kindern mit einer angeborenen Variation der Geschlechtsmerkmale» vom Parlament versenkt. Anstelle dessen gibt es nun eine Kommissionsmotion «Verbesserung der Behandlung von Kindern, die mit einer Variation der geschlechtlichen Entwicklung (DSD) geboren wurden». Da sollen Richtlinien erarbeitet werden, die zu einer Verbesserung führen.

Ohne in Details zu gehen: Richtlinien sind rechtlich nicht bindend und sie werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit absolut gar nichts an den bestehenden Praktiken der Medizin ändern. Zurück auf Feld 1? So einfach lassen wir uns nicht abspeisen. Wir werden weiter dran arbeiten, ein strafrechtliches Verbot dereinst zu erreichen, ebenso an einer Erweiterung des Artikels 261 bis StGB auf Geschlechtsidentität und Geschlechtsmerkmale.

Apropos Richtlinien, da wäre noch das Thema Sport. Empfehlungen des IOC aus dem Jahr 2021 zum Umgang mit trans und intergeschlechtlichen Sportler*innen im Spitzensport haben den grossen Sportverbänden leider eine Carte Blanche für das Aufstellen von restriktiven und diskriminierenden Regeln gegeben. So ist es heute trans Frauen, die eine männliche Pubertät durchlebt haben, untersagt, an Events auf Top Niveau in der Leichtathletik, im Radfahren, Triathlon, Schwimmen, Rugby, Schach (!) etc. teilzunehmen.

Für intergeschlechtliche Athlet*innen wurde die Testosteron Limite auf ein Minimum gesenkt. Sogenannte «offene Kategorien», quasi eine Separation von LGBTIQ+ Menschen, sind weder zielführend, noch werden sie von den Betroffenen wahrgenommen. Das käme auch einem Zwangsouting gleich. Als Consultant für Intersex and Sports bei Oii Europe, dem europäischen Dachverband für intergeschlechtliche Menschen, setze ich mich für die Rechte von intergeschlechtlichen Menschen im Bereich Sport ein.

Haben wir echt einen Vorteil im Sport? Ist Testosteron der einzige Faktor, der Leistung bestimmt? Noch gibt es keine verlässlichen Studien oder wissenschaftliche Beweise dafür. Und deshalb müssen diese Regeln weg, auch wenn das heisst, vernünftige Alternativen zu suchen, ohne dass diese Menschen weiter diskriminiert oder gar zwangsgeoutet werden.

Niemand soll vergessen: MY BODY, MY CHOICE! Wir haben das Recht auf Selbstbestimmung, in jeder Beziehung, überall und ohne Ausnahmen! Es geht nicht, dass Drittpersonen über unser Leben oder unsere Körper bestimmen. Genau deshalb ist eine Pride auch in Bern enorm wichtig. Wir brauchen die Möglichkeit, öffentlich und laut für unsere Anliegen zu kämpfen!

Urs Vanessa Sager, Co-chair InterAction Schweiz

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