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3.6.2023

Lia Wälti, Profi-Fussballerin beim Arsenal WFC und Kapitänin des Schweizer Nationalteams, ist überzeugt, dass die EuroGames einen wichtigen Raum für den Erfolg von LGBTIQ+ Athlet*innen bieten. Im Interview spricht sie über ihre eigenen Herausforderungen als Profisportlerin und über das Privileg, als Cis-Frau Zugang zum Profisport zu haben.

Wie alt warst du, als du mit dem Fussballspielen begonnen hast, und warum?

Ich fing an, mit den Nachbarskindern im Garten und auf dem Schulhof in den Pausen Fussball zu spielen. Mit sieben Jahren bin ich offiziell dem Fussballverein meines Dorfes beigetreten. Ich liebte alle Sportarten, doch weil wir immer Fussball schauten, wollte ich selbst auch Teil eines Teams sein. Als wir klein waren, spielten viele gleichaltrige Mädchen im Dorf auch Fussball, und so waren viele von uns im Verein. Es war ein Hype.

Was ist deine schönste Erinnerung als Fussballerin?

Da gibt es mehrere. Als Profi hat man oft die besten Erinnerungen an Momente, in denen man gemeinsam mit seinem Team Siege errungen und vor einem grossen, euphorischen Publikum gespielt hat. Ich habe viele gute Erinnerungen an die Weltmeisterschaft und die Europameisterschaft – diese Erfahrungen sind einzigartig. Wenn ich jedoch an den Beginn meiner Fussballkarriere als Kind zurückdenke, gab es viele tolle Momente, die nicht mit Erfolgen oder Siegen verbunden waren. Ohne Druck Fussball zu spielen und mit seinen Freund*innen das zu tun, was man liebt, ist die bisher schönste Erinnerung.

Was war deine schlimmste Erinnerung als Fussballerin?

Meine schlimmste Erinnerung ist der Gedanke an die Zeit, in der meine Leistung auf dem Platz immer schlechter wurde und ich nicht wusste, wie ich sie verbessern konnte. Jedes Spiel fühlte sich furchtbar an, und der Druck stieg ins Unerträgliche. Es war emotional und mental zermürbend. Je näher der Spieltag rückte, desto nervöser wurde ich. Ich hatte dieses Gefühl monatelang, aber man kann nicht einfach aufhören, man muss versuchen, das Tief zu überwinden. Man muss sich durchkämpfen und trotzdem Höchstleistungen erbringen. Ausserdem urteilen die Leute über dich, vor allem in den sozialen Medien, obwohl sie keine Ahnung haben, was in deinem Leben vor sich geht. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mein Selbstvertrauen wiedergefunden habe.

Was ist das Schwierigste daran, ein Profifussballerin zu sein?

Meine Antwort mag ziemlich subjektiv ausfallen. Für mich besteht die grösste Herausforderung darin, kontinuierlich Höchstleistungen zu erbringen, unabhängig davon, was im Privatleben vor sich geht. Diese Sorgen zu vergessen und zu versuchen, den Fussball zu geniessen, kann eine Herausforderung sein, vor allem, wenn es nicht läuft. Manchmal fühlt man sich nicht mit dem Spiel verbunden, man fühlt überhaupt nichts, aber man weiss, dass jedes Spiel wichtig ist und dass man präsent sein muss, um erfolgreich zu sein. Das macht das Leben als Fussballerin anspruchsvoll.

Was ist der wichtigste Rat, den du deinem jüngeren Ich geben würdest?

Der wichtigste Rat ist, das zu tun, was man liebt. Spass an dem zu haben, was man tut. Wenn dies Fussball ist, dann wage es, grosse Träume zu haben! Verfolge deinen Traum und glaube an dich selbst, aber sei auch bereit, hart zu arbeiten. Versuche, einen Schritt nach dem anderen zu machen und mach dir nicht zu viele Gedanken über die Zukunft. Versuchen, jeden Moment zu geniessen und zu spüren. Sei mutig, aber bleibe bescheiden und dankbar.

Du bist selbst aus Bern, was macht dir in Bern am meisten Spass?

Was ich im Sommer in Bern am meisten liebe, ist das „Aareböötle“, bei dem man mit einem Gummiboot den Fluss hinunterfährt. Es macht Spass, dies mit Freund*innen zu tun und danach zu grillieren oder einfach gemütlich den Tag ausklingen zu lassen.

Warum denkst du, dass es wichtig ist, sich als Spitzensportler*in für die LGBTIQ+ Community einzusetzen?

Erstens wird im internationalen Sport das Geschlecht als binär aufgefasst und angenommen, dass es nur Männer und Frauen gibt. Alle, die sich nicht mit einem der beiden Geschlechter identifizieren, haben keinen Zugang zum Sport, da sie in keine Kategorie passen. Daher finde ich es als Cis-Sportlerin wichtig, anzuerkennen, dass nicht alle Menschen das Privileg haben, Profisportler*in zu werden. Zweitens sind Homo- und Transphobie in der Sportwelt immer noch weitverbreitet. Während es im Frauenfussball normalisiert ist, queer zu sein, ist Homosexualität im Männerfussball noch ein Tabuthema. Aus diesen Gründen ist es unerlässlich, für Respekt und Vielfalt in der Welt des CisSports einzustehen.

Warum denkst du, dass die EuroGames ein wichtiges Ereignis für die LGBTIQ+-Gemeinschaft/Athlet*innen sind?

Sie sind wichtig, weil sie einen safe space darstellen. Da die Gemeinschaft zusammenkommt und dich aufgrund geschlechtlicher Merkmale oder deiner sexuellen Orientierung nicht verurteilt, kannst du dich selbst sein und dich ausdrücken, ohne dich vor Konsequenzen zu fürchten. Möglicherweise können die Sportler*innen so bessere Leistungen erbringen und Erfolge feiern.

Text: Meret Wälti

Bild: Keystone-SDA

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