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23.5.2026

Die LGBTIQ Helpline hört zu, wenn es andere nicht tun. Ein Gespräch mit Klara über Krisen, Coming-outs, Hate Crimes – und darüber, warum Zuhören manchmal der erste Schritt zurück in die Community ist.

Klara spricht schnell, präzise, engagiert. Nicht, weil sie routiniert Antworten abspult, sondern weil hinter jeder Frage ein ganzer Kosmos liegt: Beratung, Freiwilligenarbeit, Gewaltmeldungen, Finanzierung, Community, Einsamkeit. Seit Januar 2025 ist sie bei der LGBTIQ Helpline für die Westschweiz verantwortlich. Oder genauer: Sie baut auf, was es eigentlich schon lange hätte geben sollen.

«Die LGBTIQ Helpline ist ein nationales Beratungsangebot», sagt sie. Entstanden ist sie 2016 aus dem Wunsch, von vereinzelten lokalen Strukturen wegzukommen. Nicht, weil diese unwichtig gewesen wären – im Gegenteil: weil queere Menschen nicht nur in Zürich, Basel oder Lausanne Unterstützung brauchen. Sondern auch in kleineren Kantonen oder in ländlichen Regionen. Eben dort, wo es keine sichtbare Community gibt, keine Beratungsstelle um die Ecke oder keinen Flyer im Lieblingscafé.

Klara schildert: «Es war eine Öffnung – geografisch und inhaltlich.» Heute ist die Helpline ein Projekt der queeren Dachverbände Pink Cross, LOS, TGNS und InterAction. Rund 40 Freiwillige beraten schweizweit, davon etwa zehn in der Romandie. Per Telefon, Mail oder Chat. Wobei das Telefon fast schon das falsche Bild ist. «Die meisten Leute chatten mit uns», meint sie. Gerade jüngere Menschen seien es oft nicht mehr gewohnt, einfach anzurufen.

Die Themen sind so vielfältig wie die Community selbst: Coming-out, Gewalt, Unsicherheit, Einsamkeit, Fragen zu Sexualität, rechtliche Anliegen, Krisen. Manchmal meldet sich jemand mit einer klaren Frage – und verschwindet danach wieder. Manchmal entsteht eine Begleitung über Monate. «Im Durchschnitt dauert eine Beratung etwa drei Monate», sagt Klara. Einzelne Fälle gehen deutlich länger.

Was bleibt, ist die Haltung: Die Person kommt als Ganzes. Nicht nur mit ihrer Queerness, nicht nur mit einem Problem, nicht nur mit einer Kategorie. «Queerness ist oft nur ein Element im Leben einer Person», betont sie. Aber manchmal eben ein entscheidendes.

Neben der Beratung ist die Helpline auch nationale Meldestelle für queerfeindliche Gewalt. Anonym und unabhängig von staatlichen Institutionen. Die Meldungen fliessen jährlich in den Hate Crime Report ein. «Als Community haben wir eine andere Vertrauensbasis als zum Beispiel staatliche Stellen», sagt Klara. Viele Vorfälle tauchen in Polizeistatistiken gar nicht auf. Weil sie nicht gemeldet werden, weil Betroffene sich nicht trauen, oder weil sie sich fragen, ob das Erlebte überhaupt «schlimm genug» war.

Dieser Satz fällt im Gespräch immer wieder: «Schlimm genug.»

«Viele schreiben: Sorry, dass ich deine Zeit nehme», erzählt sie. Oder: «Es ist wahrscheinlich nur ein Mimimi-Thema.» Klara sagt das ohne Spott. Eher mit einer Mischung aus Traurigkeit und Zärtlichkeit. Denn genau darin liege oft das Problem: Viele queere Menschen hätten über Jahre gelernt, die eigene Verletzung kleinzureden. «Dabei sind wir genau für diese Dinge da.»

Auch bei Hate Crime Meldungen ist die Dunkelziffer hoch. Manche wissen schlicht nicht, dass es die Helpline gibt. Andere haben keinen sicheren Zugang zum Internet oder zu einem Endgerät. Wieder andere wollen nicht noch einmal in die Situation zurück. «Man ist ja froh, wenn man raus ist», berichtet sie. «Dann willst du vielleicht feiern gehen, Glace essen, irgendwas – aber nicht nochmals alles aufschreiben.»

Einmal habe ihr eine Person gesagt: Wenn sie jedes Mal ein Formular ausfüllen würde, wenn ihr etwas Queerfeindliches passiere, wäre sie alle zwei Wochen damit beschäftigt. «Das war für mich ein Aha-Moment», sagt Klara. Denn auch Mikroaggressionen kosten Kraft. Nicht jede wird gemeldet. Nicht jede kann gemeldet werden.

Und trotzdem gibt es auch diese Momente, für die sich die Arbeit trägt.

Klara erzählt von einem Jugendlichen, den sie rund ein Jahr begleitete. Vieles war schwer. Sehr schwer. «Und dann hat er sich verliebt», erklärt sie. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Krise, Angst und Familie, sondern um erste Begegnungen, um Aufregung, um Liebe. «Das war mega schön. Weil man sich daran erinnert, dass es eigentlich auch darum geht.»

Ein anderes Mal schrieb ihr eine trans Frau Monate nach einer Krisensituation zum Jahreswechsel nochmals eine Nachricht. Nur um Danke zu sagen. «Da musste ich ein wenig weinen.» Gerade weil Beratung oft distanziert passiert: zu Hause, am Laptop, im Chatfenster. Kein Händedruck, keine Umarmung, kein gemeinsamer Raum. Und doch kann dieser Kontakt halten.

Vielleicht ist genau das der Kern der Helpline: ein erster sicherer Ort. Für Menschen, die in ihrer Queerness allein sind. Die niemanden kennen. Die nicht wissen, ob es in ihrer Region eine Gruppe gibt, eine Community, eine Pride, eine Person, die versteht.

Ein Chat kann dann mehr sein als Beratung. Es kann der Moment sein, in dem jemand merkt: Ich bin nicht falsch. Ich bin nicht allein. Wir sind viele.

Wer freiwillig bei der Helpline mitarbeiten will, muss nur eine Bedingung erfüllen: queer sein. Nicht als Ausschluss aus Prinzip, sondern wegen der geteilten Erfahrung. «Es gibt dadurch eine andere Form von Empathie», meint Klara. Gleichzeitig sei das Team bewusst divers: unterschiedliche Identitäten, Altersgruppen, Hintergründe, Erfahrungen. Wenn eine ratsuchende Person spezifisch mit einer Person of Color, einer non-binären Person oder jemandem mit bestimmten Erfahrungen sprechen möchte, kann im Team weiterverwiesen werden.

Vor der ersten Schicht gibt es Gespräche, eine Grundausbildung und Weiterbildungen. Denn die Arbeit kann belasten. Wer berät, liest manchmal explizite Gewaltbeschreibungen, sieht Screenshots, hört Krisen. «Es ist ein recht einsames Ehrenamt», sagt sie. Man sitzt zu Hause, beantwortet Chats oder Mails – und um 21 Uhr ist man immer noch zu Hause. Deshalb brauche es Austausch, Weiterbildung, Teamgefühl. Einen Ort, an dem auch die Beratenden nicht allein bleiben.

Was müsste passieren, damit es die Helpline irgendwann nicht mehr braucht?

Klara atmet kurz durch. «Viel.»

Dann spricht sie über Bildung, Empathie, Schulen, Polizei, Medizin, Psychotherapie, Sozialarbeit, Medien und Kulturförderung. Über Witze, die nicht harmlos sind. Über Narrative, die Gewalt reproduzieren. Über fehlende Ressourcen. Über ein Land mit vier Sprachen und ein Angebot, das offiziell erst in zwei davon wirklich funktioniert. Über Beratungsstellen, die selbst Unterstützung brauchen. Über den nationalen Aktionsplan gegen Gewalt – und darüber, dass gute Absichten noch keine nachhaltige Finanzierung ersetzen.

«Die Helpline ist eigentlich Symptombekämpfung», schildert sie. Die Arbeit beginne oft erst, wenn etwas bereits passiert ist. An den Wurzeln müsste viel früher gearbeitet werden: in Schulen, Institutionen, Familien, Medien, Behörden. Dort, wo Menschen lernen, wie sie über queeres Leben sprechen. Oder eben nicht sprechen.

Zum Schluss frage ich, was Angehörige tun können. Freund*innen, Eltern, Geschwister, Menschen, die helfen wollen und nicht wissen, wie.

Klaras Antwort ist erstaunlich einfach: sich informieren. Nicht alles bei der betroffenen Person abladen. Nicht erwarten, dass die bereits verletzte Person auch noch Bildungsarbeit leistet. «Meldet euch bei der Helpline», sagt sie. «Sagt: Ich bin überfragt, ich weiss nicht, wie ich damit umgehen soll.»

Und dann: nachfragen. Nicht aus Neugier, sondern aus Beziehung. Was brauchst du von mir? Wie soll ich reagieren, wenn ich einen Fehler mache? Wie willst du, dass ich vor anderen über dich spreche? Was wünschst du dir?

Es sei kein Gespräch, das man einmal führe und dann abhake. Menschen verändern sich. Situationen verändern sich. Unterstützung auch.

Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieses Gesprächs: Hilfe beginnt nicht erst in der grossen Krise. Sie beginnt dort, wo jemand ernst genommen wird. Wo jemand zuhört. Wo jemand sagt: Du bist nicht zu viel. Dein Problem ist nicht zu klein. Und du musst da nicht allein durch.

‍Die LGBTIQ Helpline hört zu!
Als queere Community sind wir verletzlich, aber auch stark. Wir wissen: Solidarität und Sichtbarkeit machen den Unterschied. 
Melde Hate Crime unter stophate.ch. 
0800 133 133 (Deutsch: Montag bis Freitag, von 19-21 Uhr)
hello@lgbtiq-helpline.ch | www.lgbtiq-helpline.ch

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